Alte neue Mongolei

“Besitz ist Last aus der Sicht der Nomaden, dafür sorgen, hieße ja kostbare Lebenszeit mit dem Hüten der Dinge zubringen“ (Amelie Schenk, "In einen deckellosen Land")

Amelie Schenk, Mongolei-Reisende und Schamanen-Forscherin, beschreibt diese alten Weißheiten in einem ihrer Bücher über die Nomaden. Der nomadische Minimalismus, die Bescheidenheit als Tugend, die Verbundenheit mit der Natur, das einfache, aber freie Leben. Genau diese Dinge sind es, die uns in dieses große Land treiben.
Denn uns scheint, als könnten wir dies nur noch an einem Ort auf der Welt direkt erleben:
In den endlosen Steppen der Mongolei.
Doch, wie sehr staunen wir schon am ersten Tag, als uns eine neue, schlaglochfreie Straße in die Hauptstadt bringt. Ulan Bator ist eine Metropole, wenig erinnert hier noch an das Nomadentum.
Allradjeeps, Smartphones, Pizza und Karaoke sind auch hier das Blut in den Adern der Stadt. Schnell erkenne ich: Die Globalisierung hat sich bis ins Grasland vorgebohrt. Sie lockt die Menschen nun von ihren Jurten in die graslosen Vorstädte, verspricht Komfort und ein besseres Leben.
Ja, heute leben fast die Hälfte aller Mongolen in Ulan Bator.
Wir fliehen in die Steppe...
Jetzt sind wir, wo sich Himmel und Erde fast berühren, dort, wo die weißen Jurten die einizgen Farbtupfer im endlosen Grün des Graslands sind. Wunderschön, friedlich und so übersichtlich, wie die Lebensidee der Nomaden selbst. Ein Bild, das so schnell zu beschreiben ist, und uns doch so lange in seinen Bann zieht.
Wir besuchen Jurten, sehen Familien, die ihre Herden Tag ein Tag aus über die Steppe treiben. Treffen den Schamane Mendee und reisen mit ihm dorthin, wo sich die Wüste Gobi und das Altai berühren.
Sehen die Ziehenden.
Doch, egal wo wir hinkommen: Die Jungen träumen von einem Leben in Ulan Bator...
Es tut weh, das so schreiben zu müssen, aber wer heute mit offenen Augen durch die Mongolei reist, wird sehen, dass hier ein tiefgreifender Wandel stattfindet.
Die Natur wird verkauft, aufgewühlt, ausgeraubt. Die Menschen vergessen die Weißheiten der Vorfahren. Veränderung in der Geschwindigkeit des Westens, nicht aber der Geschwindigkeit der Nomaden...
Wir alle sind Teil dieses Wandels. Die Mongolei nur ein Spiegel unseres „Fortschritts“. Und wenn es die echten Nomanden am Rande der Mongolei noch gibt, dann können sie sich glücklich schätzen.
Suchen wollen wir sie nicht, oft ist es doch auch der Tourismus, der die alten Kulturen als erstes aus dem Gleichgewicht bringt...