Wo die Welt noch analog aussieht

Ich stehe vor einer Russlandkarte. Ganz links sehe ich Moskau, drei Meter weiter rechts Vladiwostok und dazischen, so irgendwo in der Mitte, liegt der Baikalsee. Russland ist so unvorstellbar groß, ich verstehe es erst so richtig, als ich das kleine Europa an einem Eckzipfel der riesigen Karte entdecke. Allein Sibirien ist etwa so groß wie Europa. Tausende von Kilometer in den Norden, nichts als Taiga. Ohne Orte, ohne Straßen, bis zum arktischen Meer. Da bekomme ich Herzklopfen...

Es ist Hochsommer als wir ankommen, alles blüht. Zwischen Ladas (alte sowjet-Autos) und Holzhäusern verkaufen sibirische Grossmütterchen ihre Ernte. Alles was Wald und Garten in den kurzen und warmen Sommer zaubern kann: Heidelbeeren, Himbeeren, Walderdbeeren, Pilze, Tomaten... Die kleinen Campingtische am Straßenrand sind voll. Es sieht so gesund aus...

Gesprochen wird auf Russisch. Egal ob wir verstehen oder nicht. Und so lernen wir jeden Tag. Die Worte vermehren sich und langsam kriegen wir verständliche Sätze zusammen.

Wir sind am Baikalsee, bekommen Besuch von Gwens Eltern und dem vermissten kleinen Bruder Merlin. Nach anderthalb Jahren sehen wir sie wieder. Es ist ein wunderschöner sibirischer Sommer...

Dann folgt der kurze Herbst und plötzlich hat es -11 Grad, als wir morgens ins Freie kommen. Wir sind mittlerweile in Istok, einer sozialen Wohngemeinschaft für Behinderte, nördlich von Irkutsk. Wir packen mit an, wo wir können. Draußen, weit weg von der Hauptstraße, lebt man hier am Waldesrand und wartet auf den Winter. Ein Winter, der uns so faziniert, dass wir uns jeden Tag mehr ärgern, nicht länger hier bleiben zu dürfen. Man erzählt uns, dass -30 Grad hier im Winter normal sind, kalt sei es erst ab -40 Grad. Da müsse man sich dann gut anziehen, sagt uns Ludmilla, einer der Sozialarbeiterinnen, nüchtern.
Der erste Schnee kommt, das Thermometer fällt unter -20 Grad, Patricks Bart gefriert nach wenigen Minuten. Als wir abends aus der Banja (Sauna) kommen, dampfen unsere Körper die Wärme in den sibirischen Birkenwald. Wir würden gerne bleiben. Würden gerne auf dem zugefrorenen See Schlittschuh laufen gehen, noch mehr Russisch lernen, Sibiriens Größe begreifen.
Verstehen lernen, wie weit hier „weit“ ist.