Zwischen Shiva und Müll

Ein Mann fuchtelt mit einem kleinen Stäbchen aus Eisen vor meinem Gesicht herum, Worte in Hindi. Er deutet irgendwelche Drehbewegungen an. „Nein, nein, danke“, sage ich etwas genervt, ohne genau zu wissen, was der Mann tatsächlich mit mir vor hat. „Only 10 Rupies, Aunty!“ versucht er es erneut. Ich drehe mich weg, zu viele dieser Angebote, Fragen, Bettelei. Der Mann mit dem Stäbchen zieht weiter. Später sehe ich, wie er jemanden mit seinem Stäbchen die Ohren ausschabt. Ein Hörmuschelputzer.
Und Indien ist ständig so: Dinge passieren, die für uns vollkommen neu und unerwartet sind. Auf der einen Seite ist das spannend und erweitert den eigenen Kosmos täglich. Aber diese Fülle ist auch anstrengend. Genau wie Indiens Rastlosigkeit, Indiens undurchdringliches Chaos.
Hier liegt das Schöne genau neben dem Hässlichen, es riecht nach betörenden Gewürzen und gleichzeitig nach Kloake. Es ist bunt uns dreckig in Einem.

Wir rudern in einem Meer aus Reizüberflutung von Insel zu Insel. Doch sobald wir festen Boden unter den Füßen haben, so z.B. in Gorkana, Hampi oder auch in Vanamoolika, sind wir inspiriert von der Magie und Tiefe dieser Kultur.

Indien ist zweimal: Einmal für Touristen, einmal für Indier selbst. Einmal, was die Welt mag, sich verkaufen lässt, einmal was „Götter“ und ein einzigartiger Subkontinent über Jahrtausende schuf. Kontrast.

Für uns ist Indien erschreckend teuer. Wir stoßen an Budgetgrenzen, da wir nur schwer trampen können (zu viel Chaos!) und zelten unangenehm ist (zu viele Menschen, überall...). Und wir vermissen dadurch eine Unabhängigkeit, die unser Reiseleben bisher ausgemacht hat. Wir vermissen das Abenteuer der Monate davor.
Es war eine gute und sehr eindrucksvolle Zeit, aber oft zu eng und zu viel.
In diesem Subkontinent kann man nicht mal eben für 10 Tage alleine in den Wald...